Musiker im Krieg

Wie hätte die Musikgeschichte wohl ausgesehen, wenn Erzherzog Franz Ferdinand nicht am 28 Juni 1914 erschossen worden wäre? Welche Musik wurde uns vorenthalten von Komponisten, die im Ersten Weltkrieg fielen und die deshalb jene Werke die sie noch in sich trugen, nicht schreiben konnten? Solche Fragen lassen sich nicht beantworten, so beunruhigend und eindringlich sie auch sind.

Der französische Komponist Albéric Magnard (1865-1914) wurde am 3 September 1914 in seinem 'Manoir' in Baron (Oise) von Ulanen niedergeschossen. Er verbrannte in seinem Haus und verkohlte zusammen mit vielen seiner Originalmanuskripte, Musik die danach nimmermehr gehört werden konnte. Der deutsche Komponist Rudi Stephan (1887-1915) stand an der Schwelle zum Durchbruch, als er sich - trotz seiner kritischen Haltung dem Krieg gegenüber - als Freiwilliger meldete. Seine militärische Ausbildung begann in März 1915, im September wurde er an der Ostfront eingesetzt und fiel nach zwei Wochen. Sein erstes Musikdrama 'Die ersten Menschen' war eben erst vollendet. Und was hätte Enrique Granados (1867-1916) wohl noch geschrieben, wäre er nicht am 24 März 1916 auf seiner Rückreise aus den Vereinigten Staten ertrunken? Nachdem sein Schiff, die SS Sussex, im Kanal torpediert wurde, konnte er noch in ein Rettungsboot klettern, aber als er auch seine Frau retten wollte, gingen sie zusammen unter. Nur wenige Wochen später wurde der englische Komponist Georges Butterworth (1885-1916) in Pozières tödlich getroffen, auf einem der blutigsten Schlachtfelden an der Somme. Butterworth hinterliess ein kleines, aber preziöses Lebenswerk, das mehr und noch besseres versprach. Sein Landsmann Ernest Farrar (1885-1918), Schöpfer einiger pastoralen Orchesterwerke, ansprechenden Liedern und Orgelmusik, wurde erst im Sommer 1918 an die Front geschickt und fiel schon wenige Tage nach seinem Eintreffen. Der wallonische Komponist Georges Antoine (1892-1918) überlebte auf wunderbare Weise seine ersten Monate in den Laufgräben an der Isère, wurde durch die Kriegsumstände jedoch so schwer krank dass er aus dem Dienst entlassen wurde. Unter armseligen Bedingungen komponierte er damals schon in Frankreich eine Anzahl interessanter Werke, worunter ein von Vincent d'Indy hoch gelobtes Klavierquartett. Trotz seiner schwachen Gesundheit kehrte er noch im Sommer 1918 zur Truppe zurück, wurde aber schon zwei Tage nach dem Waffenstillstand durch hohes Fieber dahingerafft. Sein Lebenstraum war die Teilnahme am Komponistenwettbewerb "Prix de Rome".

Auch der junge flämische Komponist André Devaere (1890-1914) plante seine Teilnahme an dem Wettstreit um diesen angesehen Staatspreis. Gleichzeitig bereitete er internationale Klavierwettbewerbe vor, bis der Grosse Krieg hierüber anders entschied. Am 17 Mai 1914 spielte Devaere in seiner Vaterstadt Kortrijk noch Bach, Beethoven und Schumann, dies sollte jedoch sein letzter Klavierabend werden. Schon wenige Monate später stand er inmitten des Grauens des entsetzlichen Laufgrabenkriegs. Für die empfindliche Künstlerseele Devaeres muss der Schock gross gewesen sein. An seinen Vater schreibt er die geradezu prophetischen Worte:"Niemals zuvor habe ich das Elend kennengelernt, heute ertrinke ich darin.-Ich gehe darin unter, bis schliesslich, vertrieben, verlassen, die belgische Armee ein weiteres Gewehr verloren hat! Lassen wir dem Schicksal seinen Lauf..." Am 10 November 1914 wird er an der IJzer tödlich getroffen, vier Tage später stirbt er an den Folgen eines Lungenschusses, vierundzwanzig Jahre jung, an der Schwelle einer vielversprechenden doppelten Karriere als Pianist und Komponist. Aus Augenzeugenberichten und Kritiken geht hervor, dass er ein exzellenter Klavierspieler gewesen sein muss, der obendrein noch ein besonderes Gespür für die zeitgenössische impressionistische französische Musik hatte. Auch als Komponist bewies der junge Devaere sein Grosses Talent. Das verinnerlichte, melancholische Lied "La flûte amère de l'automne" und seine Orgelkomposition "In Memoriam" für seinen Lehrer Edgar Tinel (1854-1912) - vielleicht sein letztes Werk - liessen für die Zukunft das Schönste erwarten, als er im Schlamm der IJzer-Ebene zusammenbrach?

                                                                                                             Jan Dewilde

                                                                               (Übersetzung: Michael Scheck)